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„Szenarien. Auf der versilberten Bühne des Unwirklichen widerleuchten Behältnisse, Glasschalen, Spiegelscherben, Papierknäuel, abseitige Bildagenten aller Tage, die schwarze Hand zauberisches Tun, der hingebreitete Handschuh ein Versprechen. Der Zugriff auf die Dinge und ihr Scheinen erfolgt vermeintlich tatenlos zufällig über die Geheimgänge in Linsen, Okularen und Kameragehäusen, nachdem sie die dunklen Kammern hinter den Augäpfeln, Sehnerven und des Gehirns verlassen haben. Photographien von Wolfgang Gäfgen stellen Lichtzeichnungen an den Abgründen dieser Finsternisse und ihr Überstrahlen dar und doch gleichzeitig Spiel. Sinn und Sinnlichkeit verselbständigen sich darin, indem sich Wahrnehmung, Empfindung, Anmutung von den Gegenständen ganz abzulösen vermögen, nur Licht sind, nur Gleißen, ausschließlich scharfgratige Gebilde, metallen funkelnd, oder aber weich, nur weich sind. Die Silberleinwand spiegelt die Scherben, die Scherben ebenjene und sich selbst, Gläser die Spiegel, in den Spiegeln die Dinge, die wiederum unerleuchtet stumm geblieben. Dem Arrangement des Nutzlosen aber scheint unversehens Leben eingehaucht, agieren doch die Materien miteinander, geben ein neues Stück, werden Gestalt, mimen Körper, ziehen Fratzen, drehen Gesten, Kreise, im Hintergrund unsichtbar die beschworenen Quellnymphen an ihrem Werk. Erst noch verworfene Gedankenfetzen und Bildentwürfe in den zerknüllten Papierkugeln atmen da lauter nach dem Luftröhrenschnitt, den ihnen das Licht beschert hat, lehnen sich gar auf gegen ihre Vernichtung, entwickeln mysteriöse Eigenleben. Sie haben die Hand ihres Erfinders abgeschnitten. Und sie leuchten vor sich hin, durchscheinen Vorstellkäfige und Bilderkerker.

Handlungen. Linien, Farbe, Oberflächen werden pulverisiert zu Licht, zu rotem oder weißem Staub und formieren sich neu: die Hände Handlungen, Kult. So breitet die Zerstäuberin das Tuch (aus), berichtet – leibhaft ausgeblendet – von der Auflösung des als ganz Gedachten, vom Verschwindenmachen der Wirklichkeit. Auf dem schwarz gefältelten Altar streicht sie, die Händlerin der Dinge, Schattenwürfe ab, die ihre so zerstückelten Seelenbilder umgehend in Lichtbögen verwandeln. Flaumleicht fliegen die vergangen geglaubten Ideen auf und verbergen in diesem Bruchstückhaften vollends die Identität von Werfen und Geworfenem, das Handinnere nun mit Rot getränkt von einem anderen


  Tun, vor lauter Scherben, der ausbedungenen Kelche. Und entrückt in den tieferen Schüsselfalten, verschlungenen Lakenbahnen, von gewundenen Armen, geflochtenen Haaren, durchschnittenem Papier, die Zuckertürme gestürzt, um den nun süßen Engelsstaub auszustreuen.

Himmelblau. Aufgeklärt scheinen die Einflüsterungen epochaler Strahlenmenschen und ihrer Bruderschaft, die zuvor schon die Photographie benutzten, um obskure Räume zu erforschen, sie in Monumenten (für welche ?) und dies manifesto zu erschließen. ‚Ich weiß nicht, was der Gedanke, dass dieser Handschuh für immer diese Hand verlassen sollte, in diesem Augenblick für mich an Erschreckendem und wunderbar Endgültigem haben konnte. Aber die größten, die wirklichen Ausmaße, die ihm, will ich damit sagen, geblieben sind, erhielt der ganze Vorgang erst von dem Augenblick an, als diese Dame mit der Absicht wiederkommen wollte, auf den Tisch, dorthin, wo ich so sehr gehofft hatte, dass sie den blauen Handschuh nicht lassen würde, einen Bronzehandschuh zu legen, den sie besaß und den ich seither bei ihr gesehen habe, ebenfalls einen Frauenhandschuh, am Handgelenk übergeschlagen und mit flachen Fingern; ich habe mich nie enthalten können, diesen Handschuh aufzuheben, und war immer überrascht von seinem Gewicht, und auf nichts kam es mir anscheinend so sehr an, als genau die Kraft zu wägen, mit der er auflag, auf etwas, worauf der andere nicht gedrückt hätte.’ (André Breton, Nadja, Paris 1928)

Mouches Flotantes. Das Lichtfliegen setzt ein, Flirren. Drahtgeflechte – deformierte Bügel, abgeworfenes Kleid – projizieren ein Linienspiel als Schatten ihrerselbst. Die Einwickelpapiere der Orangen schwimmen geschmeidig über den schimmernden Grund, Unschärfen des Wirklichen, verwandeln sich im Andenken an viel gesagte Engel zu transformen Physiognomien, je altertümlich Scheinende mitunter, derweil Türspalte und Fenstersprossen Bildaufteilung und Bildbedeutung übernehmen. Geschmeide sind auch die Perlen, Gläser, Kugeln, die lichten Papiersterne samt ihrem perlmutt Glänzen, auf der blattsilbernen Leinwand die Zeichnung gefüger Ungefüge.“

aus: Clemens Ottnad, Szenarien – Handlungen, in: Wolfgang Gäfgen, Photographien, Galerie Franke, Stuttgart 2006, S. 2.